Tourbericht vom

Arber-Marathon 1995

Technische Daten

Datum:           30. Juli 1995
Start/Ziel:      Regensburg, Donaueinkaufszentrum
Streckenlaenge:  242.09 km
Hoehenmeter:     3300
Ausrichter:      Veloclub Ratisbona, Regensburg
Morgens um 6 Uhr starten - was fuer eine Horrorvorstellung! Aber das Wetter an diesem Wochenende war einfach hervorragend, also bin ich kurzentschlossen am Samstag nach Regensburg losgebraust, um am Sonntag den Radmarathon mitzufahren, darauf hoffend, dass eine Nachmeldung tatsaechlich, wie telefonisch versprochen, "in der Regel kein Problem" sei. Nachmittags habe ich Qauartier in Regenstauf, 15 km noerdlich von Regensburg, bezogen und bin dann gleich mit dem Rad zum Startort, um mich noch am Abend anzumelden, was einem am Morgen dann die Warterei auf die Startunterlagen erspart. Allerdings galt es, eine erhoehte Startgebuehr von DM 70,-- zu berappen; wer es sich rechtzeitig ueberlegt, spart DM 15,--. Ich hatte jedeoch nicht mit dem Volksfest gerechnet, dass sich auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums abspielte. Das Gute daran: Es gab Verpflegungsmoeglichkeiten genug, also konnte ich mir schon mal als Vorbereitung eine dicke Portion Nudeln zwischen die Kiemen schieben.

Meine Vermieterin hatte ich am Vorabend instruiert, und so hatte ich zum Fruehstueck um 4 Uhr morgens eine Kanne warmen Kakao und 3 ueppig belegte Broetchen vor meinem Zimmer stehen. So langsam kam ich in Schwung, und um 5.30 konnte ich nach Regensburg aufbrechen. Vor der Strecke hatte ich ziemlichen Respekt, so viel Hoehenmeter bin ich vorher noch nie gefahren; vorsichtshalber lud ich also das Velo in den Kofferraum und bin per Auto zum Startort gefahren. Ich meinte, gut in der Zeit zu liegen, als ich um 5.45 dort eintraf, und die Menschenmassen auf den Parkplaetzen gaben nur eine ungenuegende Vorstellung davon, was bereits zu der Zeit am Start selbst los war. Menschenmassen draengten sich vor der Startlinie, das waren bestimmt 2000 Fahrer (inkl. einiger weniger Fahrerinnen). Um Punkt 6.00 knallte es dann, und die ersten etwa 50 Fahrer schossen ab, alle paar Minuten wurde ein weiterer Trupp losgelassen. Um 6.16 wurde es fuer mich dann auch Ernst...

Start - Cham (Verpflegungskontrolle), km 55.65

So ein Gruppenstart hat einen Vorteil: Man kann sich erstmal irgendwo dranhaengen und rauscht die ersten paar Kilometer einfach nur im Windschatten hintendrein. Ueber ein paar Radwege gings ein Stueck donauaufwaerts, dann links ab Richtung Forstmuehle und Falkenstein. Das Anfangstempo der Truppe, etwa 32, 33 km/h, machte mich doch etwas skeptisch, obwohl die ersten km voellig flach waren, aber ich hatte ziemlichen Bammel davor, mich zu frueh sauer zu fahren. Nach der Abzweigung dauerte es nicht lange, bis die ersten Steigungen kamen, und dann erledigte sich das Problem von selbst; die Gruppe zerfiel sofort in kleine Haeuflein, andere, nach uns gestartete ueberholten uns, und wir holten andere ein. Endlich hatte ich auch einen guten Grund, mein eigenes Tempo zu fahren.

Bis nach Falkenstein hatte es schon einige nette Rampen; immerhin waren bis dahin netto 300 Hoehenmeter zu ueberwinden inklusive einiger zuegiger Abfahrten. Den Ort Falkenstein erreichte ich so gegen 7.30, und tatsaechlich standen dort einige Menschen am Strassenrand - nur um uns zu applaudieren! Was soll ich sagen, das macht einem schon eine Gaensehaut, und man gewinnt gleich neuen Mut. Den hatte ich auch dringend noetig, beim letzten Anstieg fragte ich mich bereits, wie ich das Ding jemals zu Ende fahren sollte; Mengen mich ueberholender Kollegen machten die Sache nicht besser. Ausserdem verspuerte ich allmaehlich wieder Hunger, das Fruehstueck war doch schon ziemlich lange her. Bis Cham gings dann, bis auf ein paar kleinere Rampen, wieder abwaerts, und fuer die Verpflegungskontrolle wurde es fuer mich hoechste Zeit. Die ganz Harten fuellten dort nur ihre Trinkflaschen auf, aber ich nahm mir schon ein paar Minuten mehr, um in Ruhe reichlich Essbares einzufahren. Stempel, wie ich's von RTFs her kannte, gab es hier nicht.

Cham - Bayrisch Eisenstein-Regenhuette (Kontrolle), km 120.67

Jetzt ging's so langsam ans Eingemachte. Einige Kilometer Flachstueck am Anfang liefen erfreulich rund, ich hatte eine Gruppe von mindestens 50 Leuten aufgetan, mit denen sich's gut treten liess; Arbeit fiel kaum an, ausser sich zu konzentrieren und moeglichst gleichfoermig zu fahren.

Schon vorher war ich ueberrascht, dass einige Kradfahrer der Polizei uns Geleitschutz gaben, aber jetzt wurde der notwendig: Hinter einer Kurve lauerte eine lustige, 500 m lange 15%-Rampe, die von den Sherrifs fuer den Gegenverkehr rechtzeitig abgeriegelt wurde. In Nullkommanichts hatte sich unser zweispurig fahrendes Feld auf die ganze Strassenbreite verteilt, und einige hatten extrem zu kaempfen, nicht vom Rad zu kippen - falsche Uebersetzung gewaehlt. Aber so langsam begann die Sache Spass zu machen. Apropos Uebersetzung: Ich hatte als kleinste 42/26 gewaehlt; ich glaube nicht, dass diese Strecke mit laengerer Uebersetzung erhoehten Lustgewinn verschafft... zeitweise in der zweiten Haelfte waere mir auch ein 39/26 recht gewesen.

Von Regensburg nach Cham war die Streckenfuehrung trivial gewesen, jetzt fuehren wir ueber Chamerau, Koetzting nach Lam, und da begann er nun, der Aufstieg zum Arber, das heisst von 480 m auf 1050 m. Im Wesentlichen war der Kaese nach 8 km gegessen (wenn ich mich richtig erinnere), was eine durchschnittliche Steigung von etwa 7% ergibt. So fuehlte sich das auch an, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Oben verlaeuft die Strasse eine Zeitlang auf gleicher Hoehe und bietet einen wirklich tollen Blick auf die suedwestlich gelegenen Gebiete (die ich nicht genau benennen kann). Das war die Muehe allemal wert! Zwar war es immer noch etwas diesig (warm genug sowieso), trotzdem war die Aussicht einfach Klasse. Ausserdem war man oben natuergemaess wieder ziemlich alleine unterwegs, von Pulks war nach dem Anstieg nichts mehr zu sehen.

Dann gab's hinunter nach Bayrisch Eisenstein endlich die erste lange Abfahrt, und es bestuerzte mich schon, wie schnell man wieder da unten war, von wo man sich so lange raufgequaelt hatte... Wir folgten dann bis Regenhuette der B85, es ging leicht bergab, und ich konnte mich an eine kleine Mannschaft, die mich ueberholt hatte, einklinken, und so preschten wir mit weit ueber 40 Sachen im Schnitt zur Kontrolle.

Es war mal wieder hoechste Zeit, zu trinken gabs nach dem Aufstieg auch kaum noch etwas. Hier gab es so ziemlich alles, was man wollte; Joghurts, Obst, Broetchen, Kuchen, Getraenke satt, und bestimmt hab ich noch was vergessen. Ich liess mir Zeit und hab geruhsam "Mittag gegessen", vor nichts gruselte mir mehr, als einem Hungerast, und einige Hoehenmeter standen uns ja noch bevor. Und endlich gab's auch einen Stempel auf die Startkarte - den einzigen heute.

Regenhuette - Kolmberg (Verpflegungskontrolle), km 170.12

So etwas ist gemein! Vollgefressen mussten wir den Aufstieg von Regenhuette zum Bretterschachten in Angriff nehmen, die "Anfahrt" war nur 300m lang, der Aufstieg aber hinter einer Kurve gut versteckt. Ich habs nicht mehr im Kopf, es moegen nochmal so 7 bis 8 km gewesen sein bis da hinauf, dem Kulminationspunkt der Strecke in 1120 m. Jedenfalls war die Aktion ziemlich happig. Ausserdem wurde es jetzt, so gegen Mittag wirklich ziemlich warm. Aber die Abfahrt nach Bodenmais - erste Sahne! Die Strasse war neu geteert worden, wie uns der Veranstalter am Start mitteilte, und hatte kaum Kurven, also: Kleingemacht, und rollen lassen! 82 km/h Spitzengeschwindigkeit sind fuer mich bis heute absolute Bestleistung. Ohne Leistung im engeren Sinne ;-).

Von Bodenmais ging es ueber Drachselsried nach Viechtach, wobei zwischen Arnbruck und Viechtach nochmal ein Kamm genommen werden musste. Der Veranstalter hatte aber ein Einsehen und auf diesem Anstieg wegen der immer groesser werdenden Hitze (es waren bestimmt 35 Grad im Schatten an dem Tag) einen zusaetzlichen Getraenkeausschank installiert. Nach dem schweren Aufstieg zum Bretterschachten war das auch absolut notwendig - und noch viel mehr, wenn man weiss, was noch folgen sollte...

Von Viechtach aus fuhren wir ein kurzes Stueck Richtung Kollnburg, bogen dann aber rechts ab auf kleine Kreisstrassen nach Kolmberg. Und der Aufstieg nach Kolmberg hatte es in sich: steil, lang (laut Skizze immerhin 400 Hoehenmeter), und in praller Sonne gelegen. Das ist einer der Momente, wo man nach dem Sinn des Ganzen fragt. Von unten war das Bild schon nicht geheuer, als ich die paar Serpentinen sah und eine lange Kette sich kaum bewegender Radfahrer. Allgemein verfluchte man diesen Berg, ich war da nicht der einzige.

Endlich an der Kontrolle, sah man dort einen Haufen ziemlich fertiger Leute brav in Reih' und Glied um Obst, Kuchen und Getraenke anstehen. Der Platz war vielleicht etwas kleinraeumig fuer die Horden, die da schon vorher eingefallen gewesen sein mochten (ich hab keine Ahnung, wo im Feld ich mich zu der Zeit befand), aber ich war fuer die Warterei eigentlich ganz dankbar.

Kolmberg - Saulburg (Verpflegungskontrolle), km 204.75

Weit gefehlt, wenn man gedacht hat, nun waer's aus mit den Steigungen! Erst musste noch Maibrunn erklommen werden, in 900 m Hoehe, aber dann ging's im Wesentlichen bergab nach Ascha und schliesslich nach Saulburg. Ich hab keine Ahnung, wie genau die Strecke da verlief, es waren zuviele kleine Strassen, und ich war ziemlich mit dem Fahren als solchem beschaeftigt - dieses Teilstueck ist mir insgesamt ziemlich dunkel in Erinnerung, bis auf ein paar Rampen, die ich dann doch als ziemlich stoerend empfend, ueber deren Existenz ich ueberhaupt ziemlich erstaunt war. War es ein schlechtes Zeichen, dass an einem der Aufstiege unten der Streckenarzt stand? Immerhin hab ich ihn gesehn, so schlimm kann's also noch nicht gewesen sein... was soll ich sagen...

Im Ernst: Auf dem Teilstueck war ich ziemlich platt, und, so gemein es klingt, es war jedesmal aufbauend, wenn ich jemanden eingeholt habe, insbesondere, dass mir das auch an den Steigungen noch gelang. Dass mich Leute ueberholen, hab ich inzwischen laengst zu ignorieren gelernt.

In Saulburg schliesslich war Party: Hier fuehren nicht nur die Marathoniken, sondern alle "Volksradfahrer" (es gab noch drei andere Rundfahrten von 60, 125 und 170 km) vorbei, und es wurde so manches Bier gezischelt - ich glaube nicht, dass einer von denen zu den Langstrecklern gehoerte. Bei der Hitze und nach der Fahrerei duerfte ein Glaeschen (und in Bayern trinkt man ja nur aus Humpen ;-)) garantiert zum Vollkoma gefuehrt haben...

Saulburg - Regensburg (Ziel)

Was fuer ein Abschluss - von Saulburg ging's ein paar Kilometerchen leicht bergab bis zur Donau, und dann immer geradeaus nach Regensburg. Ploetzlich war ich auch wieder fit, der tote Punkt ueberwunden; vielleicht nur eine Folge der leichteren Strecke und der Gewissheit, dass nun bis zum Ziel nichts Grobes mehr kommen koenne. Ein leichter Rueckenwind verhalf mir auf dem Abschnitt, der immerhin fast voellig flach war (Donaugefaelle oder genauer: -steigung halt), zu einem Schnitt von etwas ueber 33 km/h - haett ich nach dem letzten Abschnitt nie dran gedacht.

Kuehler war es dennoch nicht geworden, es war ja auch erst 16.00 Uhr, und so fand ich's besonders nett, dass in einem Dorf ein freundlich gesinnter Mensch seinen Gartenschlauch an seine Hausecke befestigte und so eine Dusche fuer uns konstruierte. Schon witzig, dass Leute sich dafuer interessieren, dass man wie ein Bloeder Berge rauf und runterfaehrt.

Der Rest verlief dann ziemlich unspektakulaer, um 16.50 war ich wieder daheim im Hafen, und nach dem Noetigsten konnte ich mir zufrieden die im Startgeld enthaltene Belohnungsverpflegung goennen: Eine dicke Schaufel voll Nudeln mit Gulasch. Fuer den Suppenteller brauchte ich immerhin ueber eine halbe Stunde, was zeigt, dass ich doch ziemlich fertig war - wie ich ueberhaupt nach solch langen Fahrten nicht besonders viel essen kann, oder wenn, dann erst einige Stunden spaeter. Fuer des Volksfestes zweiten Teil konnte ich mich aber dann nicht mehr so recht erwaermen, ich bin nach dem Essen lieber diskret abgereist und hab mir in Regenstauff noch einen superdicken Becher Eis gegoennt (wollte mir doch der Eisheini nicht glauben, als ich 10 Kugeln verlangte... Leute gibt's! ;-))

Fazit

Was soll man sagen - ich fands klasse. Die Strecke war landschaftlich wunderschoen, war gut beschildert und betreut (an allen Einmuendungen standen bekellte Helferlein um uns einzuwinken und auch schon mal den Restverkehr anzuhalten), die Verpflegung an den Kontrollen war gut (nicht zu vergessen die warme Mahlzeit am Ziel); mehr verlange ich von so einer Veranstaltung nicht, auch wenn ich nicht weiss, was bei anderen Europacup-Fahrten so geboten wird. Wenn's meine Form und die Umstaende erlauben, bin ich '96 auch wieder dabei.
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Christian Schulz, 15.02.1996