Zampels kleine Deutschlandrundfahrt 1996

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Montag, 09.09.96: Remscheid-Lennep - Daun-Gemünden

159.89 km, 1445 Hm; 25.61 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Es ist ein Kreuz; nie kommt man zu der Zeit von zu Hause los, die man sich vorgenommen hat... statt um 10:00 ging's also erst um 11:00 los, und das, wo ich mir vorgenommen hatte, heute mindestens bis Daun zu kommen. Wenigstens spielt das Wetter mit, es ist klar, wenn auch etwas kühl; mehr als 15 Grad sind das nicht.

Den ersten Teil der Strecke kenne ich schon von mehreren Fahrten, über Altenberg, Bergisch-Gladbach und Rösrath geht es nach Siegburg; so läßt sich auf dem Weg nach Süden der Grossraum Köln am leichtesten umfahren. Auch schon traditionell gibt es in Lohmar beim (einzigen?) Bäcker, der über Mittag geöffnet hat, die erste Verpflegung. In Siegburg wieder die (nicht vorhandene oder unsichtbar angebrachte) Ausschilderung Richtung Altenkirchen verfluchend geht es über Niederpleis und Steildorf an den Rhein, was ohne zuviel Verkehr und Hoehenmeter gelang. Rauf auf die Fähre und übergesetzt nach Bad Godesberg: Jetzt kommt man sich schon eher "weg von zu Hause" vor.

Nach Siegburg muss ich jetzt also durch die zweite größere Stadt, aber das soll's dann auch für längere Zeit gewesen sein. Sogar Radwege gibt es hier. Der Einfachheit benutze ich die aber lieber nicht, grade in fremden Städten ist mir das irgendwie nicht geheuer. Bald nach der Stadtgrenze bin ich diese Sorge auch los, und so geht es über Wachtberg nach Meckenheim, Grafschaft-Gelsdorf, wo mich der Wegweiser nach Altenahr auf die B257 leitet, die anfangs recht autobahnähnlich aussieht mit ihrem Zubringer, aber das verhaßte "Fahrräder verboten"-Schild kann ich wirklich nicht finden. Dafür geht die breite und gerade doch recht unangenehm bergauf, was mich immer dann besonders stört, wenn das Auge das nicht so recht bemerkt.

Nach Altenahr geht's dann aber schließlich noch eine angenehme 4km lange Abfahrt hinunter, und so langsam meldet sich bei mir auch wieder der Hunger. Durch das Städtchen ist man ziemlich schnell durchgeschossen, und außer vielen Hotels und Cafes hab ich tatsächlich keinen Nahrungsstützpunkt gefunden. Dem kann dann aber ein Kilometer weiter in Kreuzberg abgeholfen werden, wo nur 200 m von der Hauptstraße weg ein Tante-Emma-Laden alles verkauft, was ich so brauche: Getränke und Bananen.

Damit wäre die Hochgeschwindigkeitsphase auch fürs erste vorbei. Ich folge der B257 die Ahr hinauf (im wahrsten Wortsinne) bis Adenau, und danach kommt die erste große Bergwertung, auf deren Paßhöhe man den Nürburgring kreuzt. Da scheint heute bis auf ein paar Motorradfreaks Ruhe zu herrschen. Oben, auf etwa 550m, bin ich nicht nur durchgeschwitzt, sondern es ist auch empfindlich kühl geworden, also anhalten, Windjacke raus, und dann rollen lassen.

Wie nicht anders zu erwarten, habe ich heute wohl etwas überzockt, bei Müllenbaach, wo man sich Richtung Kelberg einen kleinen Berg gönnen muß, melden sich die ersten Krämpfe in den Beinen; vielleicht habe ich bei der kühlen Witterung auch bloß zu wenig getrunken. Also wird in Kelberg nochmal pausiert, und ein paar Schokokekse machen einen wieder fit für den nächsten Anstieg die B410 hinauf. Bei 560m ist aber Schluss, ich biege links ab, und jetzt geht es bis Daun fast nur bergab oder flach, und man kann nochmal so richtig zügig kurbeln. Der leichte Rückenwind stört mich nicht weiter.

Eigentlich wollte ich ja in der JH in Daum übernachten, aber da war Abendessenszeit schon vorbei, außerdem war sie proppenvoll und überhaupt... Die Herbergsmutter verwies mich aber an die Gaststätte "Zu den drei Maaren", die zwar montags Ruhetag haben, aber nach telefonischer Vorwarnung bin ich da gut untergekommen. Also durfte ich den vorher mühsam erklommenen Berg zur JH wieder runterrollen (JHs liegen glaube ich immer auf dem Berg, wenn es nur irgendwo einen gibt...).

Nur gibt es hier im Ortsteil Gemünden von Daum nichts vernünftiges zu essen, aber Daun selbst ist nur 2km weg, und die sind zu Fuß ja kein Thema. Dort gibt's tatsächlich dann auch einen Italiener, wo ich meine geliebte Pasta essen kann, und sogar einen Eissalon. Jetzt stimmt die Kohlehydratbilanz wieder ;-)

Dienstag, 10.09.96: Daun-Gemünden - Otterbach

146.60 km, 1630 Hm; 23.43 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Ich habe mich entschlossen, nicht weiter das Tal hinunter nach Manderscheid zu fahren, sondern an meinem Hotel links den Berg hinauf, um die drei Maare zu sehen (Gemündener, Weinfelder und Schalkenmehrener Maar). Oben angekommen, weiß ich jetzt auch, warum mir der Berg so eklig vorkam: Das Schild warnt vor einem 14%-Gefälle. Der Blick auf die Maare (Totenmaar (Bild, 57k) und Schalkenmehrener Maar (Bild, 38k)) entschädigt allerdings. Aus persönlich-nostalgischen Gründen fahre ich dann eine Schleife über Mehren und Steinigen nach Steineberg (Bild, 67k) (wo ich vor 16 Jahren mal auf Klassenfahrt war), und treffe dann auf die B421, der ich dann Richtung Mosel bis Kinderbeuren folge. Verkehr ist hier nicht sehr viel, dafür hat man anfangs, solange man noch recht hoch ist, teilweise sehr schöne Ausblicke über die Eifel, nebst Maaren und einem Römergrab.

In Kinderbeuren kann man dann weitere Höhenmeter vermeiden, indem man über den Bahnhof nach Ürzig (Bild, 55k) fährt - ein durch die beliebte (wirklich?) Fernsehserie "Moselbrück" bekannter Weinort. Naja. Nun ein kurzes Stückchen moselaufwärts, über die Brücke auf die andere Seite nach Zeltingen und erstmal Pause. Eine Verpflegungsstelle direkt an der Mosel, wo man schön auf einer Bank sitzen kann, hat was. Die Idylle wird nur getrübt durch von Nordwesten herannahende schwarze Wolkenbänke. Mit etwas unguter Vorahnung geht es also wieder los nach Bernkastel-Kues, wo es mich dann in den Hunsrück hineindrückt (es sollte aber den ganzen Tag kaum regnen).

Die B50 gibt mir dann bis zur Hunsrückhöhenstraße den ersten Eindruck deftiger Bergwertungen, die mich noch erwarten sollten. Zwar nicht besonders steil, aber über 8-10 km ansteigend macht man vielleicht 400 Höhenmeter. Und womit ich nicht gerechnet hatte: Nach überquerung der Höhenstraße nach Hinzerath ging's zwar wieder bergab, aber dann muss der Idarwald überquert werden - vermöge eines 2km langen Zehnprozenters. So langsam werd ich auch ein wenig müde...

In Kempfeld ist deshalb erstmal wieder Verpflegung angesagt. Gottseidank ist es schon nach halb drei und damit die Wahrscheinlichkeit größer, einen offenen Laden zu finden. Und in der Tat gibt es in dem Ort einen, und ausser den obligatorischen Banenen goenne ich mir heute auch mal einen Schokoriegel. Erst danach, als ich weiterfahre, merke ich, daß die Abzweigung nach Fischbach noch vor dem Laden liegt. Aber den Kilometer Umweg insgesamt nehme ich kaum wahr, denn endlich geht's mal wieder richtig schön abwärts bis nach Fischbach. Das habt Schnitt und Laune. In Fischbach überquere ich die Nahe, folge für einen Kilometer der B41 und biege dann rechts ab auf die B270 nach Lauterecken. Die Strecke ist erstaunlich wenig befahren, und am Anfang hat man es noch mit einem nur unwesentlich ansteigenden breiten tal zu tun. Doch das bleibt leider nicht so, das Terrain wird welliger und hält auf dem Weg nach Lauterecken so einige Achtprozenter bereit.

In Lauterecken, kurz nach Querung der B420 und nach etwa 118km, entschließe ich mich dann zu einer dritten Pause. So langsam werde ich nämlich hungrig, und das ist nicht gut. Diesmal muß ein Supermarkt reichen, ein paar Kekse und einen Bembel Apfelsaft zu erstehen. Dann geht's weiter die B270 lang, die Lauter aufwärts - wovon man allerdings nicht viel merkt, es fährt sich wie ein Flachstück. Das ist auch gut so, denn das Teilstück bis Otterbach zieht sich. Anfangs ist es noch recht lauschig hier im Tal, aber je mehr man sich Kaiserslautern nähert, umso stärker wird der Verkehr, und irgendwie wirkt es unschön.

In Otterbach bin ich denn auch ziemlich bedient und vor allem platt und will nur noch ein Hotel finden. Das erweist sich als nicht völlig trivial; die Radlerklause (oder so ähnlich) vermietet gar keine Zimmer, aber das wie es scheint einzige offene Haus am Platz hat dann noch ein Zimmer mit Etagendusche frei. Abends begebe ich mich dann in der Hoffnung auf einen Italiener noch auf die Pirsch, aber sowas scheint man in Otterbach nicht zu kennen. So tut's denn auch ein Zigeunerschnitzel mit Pommes im Gasthaus, wo ich logiere. Der Wirt schaut zwar etwas unglücklich, weil ich der einzige Gast bin und es auch schon 9 Uhr ist, aber das Gericht ist anständig. Als ich dann nach oben auf mein Zimmer gehe, schließt der Wirt denn auch gleich ab.

Mittwoch, 11.09.96: Otterbach - Lembach (F)

120.60 km, 1065 Hm; 24.43 km/h

[Streckenführung auf google-maps - der Abschnitt auf der B10 ist inzwischen Kfz-Straße]

Beim Aufstehen stelle ich erschrocken fest, daß irgendwas mit meiner rechten Wade nicht stimmt, sie fühlt sich wie gezerrt an. Vielleicht sind das die Nachwehen des Krampfes vom Montag? Ich ignoriere das erstmal, esse mein Frühstück (kann man nicht meckern), und fahre dann einfach mal los. Und: Es geht. Nach ein paar Kilometern merke ich fast nichts mehr davon.

Um die Ortsdurchfahrt durch Kaiserslautern zu vermeiden, verlasse ich gleich hier in Otterbach die B270 und fahre durch Siegelbach nach Vogelweh und treffe dahinter auf die bekannte Bundesstraße 270 [1]. In Vogelweh fahre ich an amerikanischem Militärgelände vorbei, aber da scheinen die Truppen schon abgezogen zu sein, die leeren Siedlungen mit ihren eigenen Straßennamen wirken etwas bedrückend. Danach wird die Gegend wieder etwas lauschiger, grüner und ruhiger, ebenso der Verkehr. Wenn's nur noch ein paar grad wa"rmer wäre, wäre es so richtig schön. Nach ein paar Kilometern höre ich ein bekanntes Geräusch von sirrenden Ketten. Erstmal passiert nichts, aber beim nächsten kleinen Anstieg, als ich mich umschaue, zieht eine Vereinsmannschaft an mir vorbei, freundlich lächelnd und grüßend. Wider besseres Wissen versuche ich, dem Trupp zu folgen, was mir auch gelingt, allerdings nur um den Preis eines gefährlich hohen Pulses von 180. Während ich noch hinterherhechel, überholt mich dann der Mannschaftswagen des Vereins - der slowakischen Nationalmannschaft - und nimmt auch mich (wo man gerade schon dabei ist), auf Video auf. Auf der Anhöhe geben die Jungs dann richtig Gas, und weg sind sie. Zehn Kilometer weiter steht die ganze Bagage auf einem Rastplatz und hat es lustig und winkt mir hinterher, als ich vorbeikrieche.

Als nächstes sehe ich die Ausschilderung nach Heltersberg, und sofort meldet sich Rolf Angermann in meinem Kopf zu Wort, der den Heltersberger Udo Bölts zu weiteren Großtaten anspornt. Den Abstecher in den Pfälzer Wald spare ich mir aber, da kommt bestimmt noch genug: In Burgalben-Waldfischbach verlasse ich die B270 endgültig und nehme die erste ernstzunehmende Steigung (180 Hm) nach Donsieders. Auf der anderen Seite geht's gleich wieder runter bis nach Rodalben, wo nach 44km die erste Verpflegung angezeigt ist. Der Besitzer des Tante-Emma-Ladens preist alles mögliche an, wovon er meint, es würde mir frommen, aber ich bin mit Bananen und Apfelsaft zufrieden. Beim Bäcker nebenan hole ich mir dann nämlich noch eine frische Dampfnudel.

Durch ein enges, etwas verschlungenes Tal geht's dann an Münchweiler vorbei zur B10, der ich 6km folge, um dann rechts abzubiegen Richtung Salzwoog. Und ab jetzt wird's wirklich schön. Auf den nächsten 20km begegnen mir vielleicht 10 Autos, die Strecke ist in gutem Zustand und landschaftlich sehr schön, ich fahre mitten durch den Pfaelzer Wald (der anfnags noch recht wiesig ist), und es geht mir so richtig gut. Mit dem zwischen Salzwoog und Fischbach liegenden Paß (431 m) hatte ich gerechnet, also ist auch der kein Problem, und so bin ich ziemlich schnell schon in Fischbach. Nun muß ich mich entscheiden, ob ich direkt nach Schönau und weiter nach Lembach fahren soll - das wären nur etwa 20km - oder einen kleinen Umweg über Weissenburg mache. Ein kleiner Imbiß, erstanden in einer Filiale einer überregional bekannten Drogeriemarktkette, aus Dinosaurierkeksen macht mich richtig frisch, also wähle ich die weitere Variante, es ist ja auch noch viel zu früh, um schon in einer Stunde im Zielhafen einzulaufen.

Also folge ich weiter der deutschen Schuhstraße (auf der ich keinen einzigen Schuh fand) bis Bundenthal, nach Niederschlettenbach, wo ich die Lauter wiedersehe - dachte ich erst; tatsächlich ist es ein anderes Flüßchen, was sich mit diesem Namen schmückt. Dem Fluß (oder eher dem breiten Bach) folge ich bis Weiler, was schon in Frankreich ist. Leider sind ja seit der EU Grenzübergänge im alten Stil etwas aus der Mode gekommen, mit dem Fahrrad machen die viel mehr Spass, als einfach nur an einem Schild vorbeizufahren. Da ich nicht wirklich gewillt bin, mir den Ort Weissenburg anzusehen (habe ich was verpaßt?), biege ich am Ortseingang gleich rechts ab Richtung Climbach, um den Col de Pigeonnier zu bewältigen. (Endlich! Zwar nur 432 m hoch, scheuen sich die Franzosen aber wenigstens nicht, ihren Bergen bzw. Pässen Namen zu geben und die auch auf Straßenschilder mitsamt der Höhe anzugeben.) Kurz nach dem Aufstieg überholt mich ein Rennradler, den ich dann frustrierenderweise fast bis zur Paßhöhe in immer größerem Abstand (die Straße ist recht wenig kurvig) davonschleichen sehe. Oben auf der Paßhöhe ist er plötzlich wieder da, also fahre auch ich links ran, suche die Aussicht (es gibt keine, jedenfalls nicht hier); wir nehmen einen Schluck aus der schnellen Flasche und klönen ein wenig (gut, daß man hier deutsh ;-) spricht). Sodann fahren wir zusammen nach Climbach ab, wo sich unsere Wege dann trennen. Allein wegen des Namens würde ich gerne auch den Col du Pfaffenschlick fahren, aber mir reicht es jetzt erstmal, und Lembach lockt ja auch schon.

Der Ort ist mir von meinem Vater ans Herz gelegt worden, weil man da so lecker essen könne. Man kann, wahrscheinlich - das empfohlene Restaurant ("Blanc Chevalier", wenn ich mich recht erinnere) macht mir allerdings, als ich dran vorbeikomme, nicht den Eindruck, als wäre ich ohne feinen Zwirn da willkommen. Ebenso ist das Hotel, in dem ich übernachten wollte, mir dann doch eine Spur zu teuer, also suche ich mir was anderes und finde mit einiger Mühe eine kleine Privatpension am Ortsausgang Richtung Schönau. Der Wirt, ein nicht mehr arbeitender Ich-weiß-es-nicht-mehr, hat das Haus seiner Eltern ganz frisch zu einem Gästehaus umgebaut - und in seiner Werkstatt ein Rennrad stehen. Keine Frage, daß ich da willkommen bin. Nur das Zimmer kann ich noch nicht beziehen, da seine Frau das nach Abreise der letzten Gäste noch nicht aufgefrischt hat, sie tue es aber, sobald sie von der Arbeit nach Hause komme (das tut sie dann auch).

Als ich dann beiläufig erwähne, jetzt was essen gehen zu wollen und die Herbergseltern mir ein paar Tips geben wollen, wo man denn gut hingehen könne, kommt die nächste Überraschung: Offenbar ist der Mittwoch in ganz Lembach ein Ruhetag (ausser im "Blanc Chevalier"...). Die einzige Möglichkeit wäre, etwas im Nachbarort Wingen zu suchen, der zwar wesentlich kleiner ist, aber auch mind. eine Gaststätte hat. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg, nicht ohne mir das Versprechen abnehmen zu lassen, daß ich, sollte es etwas später werden oder ich zu müde sein, den Vermieter unbedingt anrufen solle, auf daß er mich abholen käme. Von Lembach nach Wingen geht's erstmal wacker bergan, aber ich habe das Glück, dass mich ein Mädel in ihrem Wagen bis in den Ort mitnimmt, wo sie mich extra beim Gasthaus des Ortes absetzt, um sich zu vergewissern, ob dieses auch geöffnet habe. (Es hat. Mich hätte interessiert, welchen Notplan sie ausgeheckt hätte ;-).) Und zum Glück nehmen die auch Kreditkarten an - an französisches Geld habe ich irgendwie gar nicht gedacht...

Und es hat sich gelohnt. Den Grillsalm mit einem Berg von Krabben bekäme man in D bestimmt für vielleicht den anderthalbfachen Preis. Und lecker war's! Nur als mal wieder einziger Gast fühle ich mich wieder etwas fehl am Platze, insbesondere, da der Thekenraum ziemlich voll ist mit Leuten, die das UEFA-Cup spiel zwischen dem KSC und vielleicht Bordeaux sehen wollen. Nach Hause gehe ich dann aber tatsächlich zu Fuß, ein wenig Ausgleichsbewegung verschaffend, und von den vielen von den Obstbäumen gefallenen Äpfeln mir zwei zum Nachtisch gönnend. In der Pension angekommen verzichtet der Wirt auf ein paar Minuten des Fußballspiels, um sich zu vergewissern, daß alles glatt gelaufen sei - er hätte schon auf meinen Anruf gewartet.

Donnerstag, 12.09.96: Lembach (F) - Oberwolfach

140.68 km, 1315 Hm; 22.86 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Der Tag beginnt mit einem leckeren Frühstück, bestehend aus einem Berg Baguette, Kaffee bis zum Abwinken und der wenig erfreulichen Nachricht, daß das Wetter im Laufe des Tages deutlich schlechter werden solle. Bis jetzt hatte ich ja noch Glück, aber es sieht schon jetzt draußen eher dunkel aus, gleichwohl ist es noch trocken. Also bezahle ich mal (und bauche auch hier kein französisches Geld) und sehe zu, daß ich Land gewinne; der Vemieter schaut mir sehnsüchtig hinterher, muß aber weiter an seinem Häusle basteln.

Als erstes fahre ich also Richtung Süden los, nach Hagenau. Die Strecke ist topfeben, mit dem Wind gibt es auch keine Probleme, und so kann ich mich langsam warm fahren, und erreiche doch Schnitte nur knapp unter 30 km/h - völlig ungewohnt auf dieser Reise. Kurz vor Hagenau gilt es, eine beeindruckende Gerade durch den Foret de Haguenau zu nehmen, das gerät per Rad eher langweilig. Auch naht von hinten zusehends dunkles Gewölk, das drückt ein wenig auf die Stimmung. In Hagenau biege ich halblinks ab und fahre über Kaltenhouse und Buschwiller nach Drusenheim, um dort über den Rhein überzusetzen. Geplant war, im nächsten Ort auf deutscher Seite die erste Pause zu machen, allerdings scheint mir Greffern quasi ausgestorben. Dummerweise ist es auch schon kurz nach 12, als ich dort einfahre; ein evtl. Laden hat da eh' schon zu. Als nächstes mißgönnt man mir auch noch die direkte Verbindung über Schwarzach nach Bühl: Vollsperrung der Straße. Also nutze ich die ausgeschilderte Umleitung über Stollhofen und Leiberstung. Sämtliche Orte, die ich durchfahre, halten Mittagsschlaf, und dabei kriege ich doch langsam richtig Kohldampf. Unerfreulich auch, daß der Schwarzwald, der eigentlich irgendwo vor mir sein müßte, so überhaupt nicht zu sehen ist; stattdessen sieht man nur tiefhängende Wolken. So muß ich mich bis ins Zentrum von Bühl vortanken, um nach 64 km endlich was zu essen kaufen zu können. Auf dem Rathausplatz (oder Kirchplatz?) setze ich mich hin und hau mir was zwischen die Kiemen. Es ist schon ziemlich kühl geworden. Eine längere Erholungspause fällt damit naturgemäß weg.

Also wieder auf den Hobel, die bösen Vorzeichen ignorieren und den Anstieg in den Schwarzwald ins Visier nehmen. Sicherheitshalber umwickle ich meinen Tacho noch schnell mit zwei Lagen Klarsichtfolie, um das Teil vor evtl. Regenwasser zu schützen. Ich mag es nicht, wenn das Gerät unterwegs ausfällt. Kurz nach Bühl geht die Straße schon piano bergan bis Bühlertal, aber es läßt sich noch angenehm fahren; 42/21 sind tretbar. Aber ab jetzt wird's kernig: Die erste deftige Bergwertung steht an. Bis hinauf nach Sand, wo ich auf die Schwarzwald-Höhenstraße treffe, sind's etwa 600 Höhenmeter (leider habe ich mir die exakte Zahl nicht gemerkt), und das auf 9km mit bis zu 12%-igem Anstieg. (Die 40km von Bühlertal bis zur Alexanderschanze, gehen über 1240 Höhenmeter und haben es damit reichlich in sich.) Jetzt merke ich den 6kg schweren Rucksack deutlich. Die Regenjacke verschwindet nach kurzem auch dadrin, es wird mir einfach zu warm. Prompt fängt's natürlich auch an zu regnen. Nach 2/3 des Aufstiegs ist rechter Hand ein Aussichtspunkt verzeichnet. Man sieht aber nur Wolken. Anhalten wäre sowieso keine gute Idee. Dann erreiche ich endlich die Schwarzwald-Höhenstraße, ein paar Meter geht es noch hoch, dann kommt erstmal ein Flachstück und eine kleine Abfahrt. Ich halte kurz an einem kleinen Rastplatz, um mir die Jacke überzuströppen und ein fruchtiges Kaubonbon [TM] zu verdrücken; dabei sehe ich tatsächlich zwei Bekloppte, die mit ihren Rennrädern an mir vorbeizischen. Dann zisch auch ich ab.

Der hintere Plastikschmutzfänger hat sich gleich bewährt, nur vorne paßte aus geometrischen Gründen keiner hin, also gibt's ne Munddusche gratis dazu. Die Wolken bzw. der Nebel (ich kann das hier nicht trennen) erlauben teilweise nur 300m Sichtweite, so daß es mir auf den Abfahrten teilweise etwas komisch wird. Irgendwann auf dem Weg bis zur Alexanderschanze überschreite ich (sogar zweimal) die magische 1000m-Grenze (bis auf 1025 nach Höhenmesser), aber ich hab da nix von. Nach dem Anstieg von Bühlertal aus bin ich sowieso ziemlich müde, und die weiteren, teilweise recht giftigen Anstiege auf der Höhenstraße finden nicht unbedingt meinen Beifall. Man hat ja nichtmal was davon. Hinter Alexanderschanze biege ich dann rechts ab hinunter nach Wolfach über Bad Rippoldsau. Eine Mörderabfahrt, endlich wird man für die Quälerei mal richtig belohnt. Schade nur, dass es immer noch regnet oder zumindest die Straße kladdernaß ist. Außerdem ist der Fahrtwind ziemlich kalt. Die Finger werden auch schon weiß. Aber in Bad Ripldsau läßt wenigstens der Nebel etwas nach, so daß man vom Tal auch was sehen kann. Der Eindruck ist nicht der schlechteste. Weil es grad so schön bergab geht, fahre ich weiter bis Schapbach, wo ich noch eine Kleinigkeit esse, und dann das Tal, selbiges nunmehr nur noch leicht abfallend, weiter bis Oberwolfach hinunterfahre. Für einen Schnitt über 30 km/h reicht es immer noch. Eigentlich wollte ich so weit gar nicht fahren, aber es fluppt grad mal wieder so gut, naß bin ich sowieso bis auf die Knochen, und als Mathematiker ist es natürlich Ehrensache, zumindest privat einmal in Oberwolfach Station zu machen.

Nur eine vernünftige Unterkunft ist nicht ganz leicht zu finden. Das Mathe-Eldorado liegt irgendwo im Busch den Berg hinauf, das habe ich mir erspart. Oberwolfach zerfällt in zwei Teile, und im südlichen Ortsteil (bei der Kirche) finde ich schließlich ein nettes Hotel, wo die Wirtin mir ein DZ zum EZ-Preis läßt, wo reichlich Platz zum Aufhängen der nassen Plünnen ist - und wo die Speisekarte das magische Wort Käsespätzle enthält. Für was bin ich denn sonst hier hin gefahren? Selbige sind dann auch erstklassig und die Portion mehr als ausreichend, und so kann ich mich vollgeschlagen in die Falle hauen. Bei dem Wetter gibt es eh' nichts anderes zu tun.

Freitag, 13.09.96: Oberwolfach - Bubsheim

141.27 km, 1970 Hm; 21.66 km/h

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Am nächsten Morgen ist das Wetter nicht wirklich besser. Etwas weniger Nebel in den Bergen, und noch regnet es nicht. Die Sachen sind auch größtenteils wieder trocken, auf alle Fälle benutzbar. Nach dem Frühstück, eingefahren in der reizenden Gesellschaft zweier junger Mädchen, die die Bücher des Hauses prüften, treffe ich an der Rezeption, wo ich zahlen will, einen Leidensgenossen. Er kommt aus Köln, ist aber erst in Offenburg mit dem Rad los, und möchte das schlechte Wetter lieber hier abwarten, anstatt weiter zu fahren. Was die mittelfristigen Aussichten angeht, bin ich da aber skeptisch... Dann geht's los.

Auf em Weg nach Wolfach über die B294 muß ich durch den ersten langen Tunnel, eine mit dem Rad immer etwas merkwürdige Erfahrung, allein schon wegen der Akustik. Flach ist der Weg auch nicht unbedingt, die eingezeichnete Strecke am Bach entlang wäre wohl weniger anstrengend gewesen. Aber man ist ja noch frisch, obwohl - das Wetter ist es auch, sich warmzufahren ist da gar nicht so leicht. Dann biege ich links ab Richtung Hornberg (schiessen die da eigentlich?). Nach nur wenigen Kilometern merkt man deutlich, daß hier Höhenmeter zu machen sind, auch wenn das Tal noch so breit ist, daß man das fast nicht sieht. Aber man merkt's in den Beinen. Teilweise kommt sogar die Sonne raus, das hilft mir darüber hinweg, daß es eine anstrengende Etappe zu werden verspricht. Irgendwo bei Gutach schließt von hinten ein Knabe mit einem Trekkingrad auf. Er hat vor, heute den Feldberg zu nehmen. Ich erkläre ihm gerade, daß ich mit dem Gedanken spiele, nicht die Bundesstraße bis Furtwangen durchzufahren, sondern einen Abstecher durch das Elztal und nach Schonach zu machen, weil das ruhiger und schöner sein soll, als auch schon die Abzweigung auftaucht. Da immer noch vereinzelt blaue Flecken am Himmel zu sehen sind, biege ich also ab. Nach 200m prall ich fast vor ein Schild, daß mir Steigungen bis zu 18% verspricht. Aber jetzt steh ich mir selbst in der Pflicht. Und schlimmer als gestern ist es auch nicht. An den bald einsetzenden Regen und die Kälte habe ich mich inzwischen ja schon fast gewöhnt. Dumm ist nur, daß mit Aussicht wieder nicht zu rechnen ist.

Auf der Paßhöhe, so bei knapp 700 m, plästert es fürchterlich; Hagel ist auch dabei. Selbst die Regenjacke bringt da nicht mehr viel. Ich habe die Wetterbedingungen im September im Schwarzwald wohl doch unterschätzt... Die Abfahrt bis Oberprechtal-Dorf ist einfach nur kalt, und durch den Regen sehe ich eh kaum was. Dann biege ich links ab, und schon geht's wieder bergan, diesmal die Elz hinauf. Anfangs noch recht gemächlich, aber die 14km bis zur Wilhelmshöhe (der Paßhöhe auf irgendwas um 950 m) ziehen sich erbärmlich. Es ist kalt, es regnet immer noch, und durch die vielen Bergwertungen bin ich länger unterwegs als ich dachte, und hier ist nur Einöde, kein Laden, kein nix. Ein Königreich für eine Portion Pemmikan. Pinguine könnten hier wahrscheinlich gut überleben. Wieder aufgewacht, finde ich mich in Schonach wieder, von wo aus es eine Abkürzung nach Schönwald gibt, die ich auf der Karte übersehen hatte, und die mir bestimmt einige Höhenmeter erspart hat. Dort, nach 47 km und 1230 Höhenmetern, finde ich endlich einen offenen Laden, wo ich mich verpflegen kann. Die Verkäuferin blickt erstaunt auf meine kurzen Velohosen und fragt nur, ob das nicht kalt sei. Als ich bejahe, meint sie nur, das wundere sie nicht, heute morgen habe auf allen Autos Schnee gelegen. Jetzt bin ich mir sicher, den falschen Weg gewählt zu haben. Aber - zu spät. Ich pfeif mir also meinen Imbiß rein, und dann geht's weiter.

Kurz nach Schönwald erreiche ich in Escheck den höchsten Punkt meiner Fahrt auf 1057 m. Wenigstens hat der Regen nachgelassen, aber es ist immer noch alles neblig. Und: Ab jetzt gibt es erstmal haufenweise Flachstrecken und Abfahrten. Im Nu bin ich in Furtwangen, und entgegen meiner ursprünglichen Planung fahre ich nicht weiter nach Kaltenherberg, sondern biege hier schon links ab nach Vöhrenbach. Und sieh' da - wenige Kilometer hinter Vöhrenbach kommt die Sonne raus, das Fahren ist zum ersten Mal seit fast 2 Tagen kein Selbstzweck, und kurz vor Donaueschingen überrascht man mich sogar mit trockenen Straßen. Endlich kann ich mal wieder eine Strecke richtig genießen; daß ich hier nicht richtig zu arbeiten brauch, macht es nur noch angenehmer. Hinter Donauschingen setze ich mich an eine Bushaltestelle in der Sonne, lasse mich erstmal was aufwärmen, und hau mir einen Stapel Kaubonbons rein. Das Donautal kommt mir überirdisch schön vor, aber das mag zum Teil auch bloß am Wetter liegen...

Dann folge ich der B311 bis nach Tuttlingen; unterwegs lasse ich mich von Hinweisschildern zur Donauversickerung dazu verleiten, den Donauradwanderweg zu benutzen, der sogar in halbwegs gutem Zustand ist. (Beweisfoto, 85k) Die Streckenführung ist allerdings teilweise widersinnig mäandrierend. Aber das trockene Flussbett habe ich gesehen. In Möhringen macht man mit dem Radweg dann lustige Dinge, er wird zu einer Art Spazierweg oder so, und ich habe den Kaffee auf und fahre wieder Bundesstraße. Die Stadt Tuttlingen selbst kann ich vermeiden, ich biege vorher links ab auf die B14, fahre dort ein paar Meter und schlage mich dann rechts ins Gebüsch nach Dürbheim. Eigentlich hoffte ich dort ein Zimmer zu finden, aber der Ort ist auf mich wohl nicht vorbereitet. Ein Gastwirt nennt mir freundlich ein paar alternative Städtchen, die in Frage kämen, aber die liegen alle nicht an meiner Route.

Da es noch relativ früh ist und ich erst eta 120km hinter mir habe, beschließe ich dann doch, in die Schwäbische Alb hineinzufahren. Gleich hinter Dürbheim geht es stracks bergan. Gleichermaßen wird es kälter, und später ist auch der Regen wieder da. Vielleicht hätte ich doch die Donau entlangfahren sollen... Der nächste Ort, Böttingen, hat sowas elitäres wie Fremdenzimmer gar nicht zu bieten, also fahre ich weiter nach Bubsheim, das zwar kleiner ist, aber den Gasthof "Zum Bären" anbieten kann. Als ich diesen erreiche, stöbere ich die Wirtin in der angegliederten Metzgerei auf, wo wir den Handel über das Zimmer abschliessen, und sie mir - ganz geschäftstüchtige Schwäbin - ein paar Schnitten Brot sowie Wurst und Käse verkauft, da hier im Ort keine Gastwirtschaft zu finden sei - außer ihrer, aber heute sei Ruhetag. Das glaub ich ihr alles auf's Wort, bloß keine Experimente heute mehr.

Als einziger Gast in dem großen Hotel ist man wenigstens garantiert ungestört, und den Heizungskeller zum Wäschetrocknen habe ich auch für mich alleine. Erst als ich telefonieren gehen will fällt mir auf, dass mein Zimmerschlüsselbund keinen Schlüssel für die Haustür enthält. Ich leihe mir kurzfristig einen aus einem der Nebenzimmer. Wenigstens hat das Zimmer einen Fernseher. Allerdings - und das ist mir noch nie passiert - kriege ich das &%$(%$-Teil nicht in Gang. Ich gebe es auf, lege mich um 22:00 Uhr hin und schlafe wie ein Bär. Wie passend.

Samstag, 14.09.96: Bubsheim - Kaisersbach

166.72 km, 2045 Hm; 23.97 km/h

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Der Morgen ist fast noch gespenstischer als der Abend. Das Frühstück gilt es im Nebengebäude, dem Gasthof, einzunehmen, also mache ich wieder den Nebenzimmer-Schlüssel-Trick. Durch die dunkle Gaststube im Erdgeschoß, einen Lichtschalter finde ich nicht, taste ich mich, eindeutigen Geräuschen folgend, eine Treppe hinauf und stehe in einem großen Gastraum mit bestimmt 20 Tischen, von denen einer gedeckt ist mit Brötchen, Wurst und Käse. Meinem am Abend zuvor geäußerten Wunsch entsprechend steht auch schon eine Kanne heißen Kakaos auf dem Tisch. Gesehen habe ich das ganze Frühstück über keinen Menschen. Nur aus der Küche, irgendwo weit hinter mir, waren hin und wieder Geräusche zu hören. Da das Material nicht zu knapp kalkuliert war, ergibt sich auch nicht die Notwendigkeit, dem nachzugehen, also trolle ich mich und bezahl meine Zeche in der Metzgerei. Die Wirtin zeigt sich untröstlich über meine kleine traurige Fernseher-Geschichte: Der Schalter, ein kleiner Wippschalter, befinde sich irgendwo versteckt hinten am Gerät (oder was unterm Boden?). Hmm. Ist mir jetzt auch egal. Da sie noch mit einer ungünstigen Wetterprognose (unter 10 Grad, aber Regen) aufwartet, bedanke ich mich höflich und verdrücke mich. Und ziehe heute denn doch mal die langen Radhosen an.

Die erweisen sich auch schon nach den ersten Metern als nützlich, geht es doch sofort ein paar Kilometer bergab, warmfahren fällt also flach. Erst unten im Tal gelingt mir das langsam. Hier ist auch der Nebel verschwunden, zwar ist es noch feucht auf den Straßen, aber ansonsten läßt es sich recht gut an. Das Tal der Bära ist ganz lauschig, aber als es wieder bergan Richtung Messtetten geht, setzt auch der Regen wieder ein. Messtetten liegt erstaunlich hoch, gut 900m, aber bei dem Wetter wirkt es nicht sonderlich reizvoll, und im Regen Pause machen ist sowieso nicht so pralle. Also geht's weiter, Richtung Albstadt, wo ich mich zum ersten Mal wieder durch richtigen Stadtverkehr kämpfe, nach Taiflingen bis Buladingen, wo ich erstmal mein erstes Päuschen mache. Seit einer halben Stunde ist es auch wieder trocken, und auf den letzten Kilometern, zu fahren auf der B32, läuft parallel ein Bahngleis, wo ich einen uralten Schienenbus oder so was ähnliches herrattern sehe.

In Burladingen biege ich dann links ab nach Stetten, und es wird wieder sehr einsam, aber landschaftlich schön. Leider kommt mit der Höhe auch der Regen wieder, und jetzt wird der wirklich heftig. Als ich an der Bärenhöhle vorbeifahre, gönne ich mir den einen Kilometer langen Abstecher dahin, wo ich bis auf eine völlig durchnäßte Schulklasse der einzige Gast bin. In die Höhle zieht's mich dann aber nicht, auch die Vorstellung, mein Rad unbewacht da draußen stehn zu lassen behagt mir nicht. Ich kaufe also nur einen Schwung Postkarten, um endlich meiner Pflicht nachkommen zu können. Nebenbei ist der Postkarten- und Andenkenverkaufsstand auch so ziemlich das einige überdachte Fleckchen hier in der Wildnis. Ich leiere der Verkäuferin noch eine Platiktuete aus den Rippen und fahre wieder los. Der Regen wird unterdessen immer heftiger, zeitweise habe ich den Eindruck, das Wasser steht einen Zentimeter hoch auf der Straße. Gottseidank ist das Terrain hier im Wesentlichen flach. Dann treffe ich auf die B313 und fahre Richtung Reutlingen. Bei Lichtenstein hört der Regen dann ganz unerwartet auf, die Abfahrt nach Unterhausen wird dadurch fast ein Vergnügen, wäre da nicht der starke Autoverkehr, der mir viel zu langsam ist.

Reutlingen selbst will ich gerne umfahren, also biege ich kurz vor dem Ortseingang rechts ab nach Eningen. Richtig schön ist es hier nicht, das hat wirklich schon was von Ballungszentrum, verglichen mit dem, woran ich mich die letzten Tage gewöhnt habe. Aber das Wetter wird trockener, sogar die Sonne läßt sich ab und an sehen, und hinter Eningen auf einer Bergkuppe kann ich ein kleines Päuschen machen und mich dabei etwas wärmen lassen.

Weiter geht es über Metzingen nach Nürtingen (keine Spur von Harald Schmidt) und dann über die B297 nach Kirchheim/Teck. Mir fällt auf, daß es ja Samstag nachmittag geworden ist - meine klassischen Verpflegungstellen fallen plötzlich weg! Also fahre ich an der Autobahnabfahrt Kirchheim das erste Mal eine Tanke an. Da ist zwar alles teurer, aber die Auswahl geringer. Muß man durch. In Kirchheim verlasse ich die Bundestraße wieder, biege rechts ab nach Lichtenwalde und schließlich bis Schorndorf. Das Teilstück hat es in sich, es geht immer rauf und runter, und die Steigungen hier sind wirklich giftig, 10-12% sind hier normal, und der 13-Prozenter nach Hegenlohe kostet fast die letzten Körner.

Das nächste Ziel wäre Welzheim, aber als ich unten in Schorndorf ankomme, ist dieser Ort natürlich nicht ausgeschildert. Aber an der Ampel warten zwei Mountainbiker, die ich gleich verhöre. Einer von beiden wohnt praktischerweise direkt an der Ausfallstraße nach Welzheim und führt mich auf Geheimpfaden - Bordstein rauf und Bordstein runter springend nach des Mountainbiker Art - durch die Stadt. Es war aber alle Mal schneller und bequemer, als sich in der Stadt erst einmal zu verfahren. Auf dem Anstieg nach Welzheim meldet sich dann auch der Regen wieder - fast hatte ich ihn vergessen. Meine Plünnen sind inzwischen ja auch wieder so gut wie trocken, warum also nicht noch mal nachspülen. In Welzheim, nach gut 140 km hab ich dann den Kaffee auf, aber irgendwie sehe ich nicht so richtig, wo pennen. Aus Bequemlichkeit fahre ich einfach noch was weiter, da ist der Ort schon zu Ende, und zum Umkehren habe ich keine Lust. Das war ein Fehler. Nun gibt's erstmal keinen Ort mehr. Murrhardt ist mir zu weit und liegt außerdem nicht auf der geplanten Strecke. Nach zwei Kilometern ist ein niedlicher Badesee mit Gasthaus ausgeschildert, also fahre ich da mal hin. Wirklich lauschig haben die es hier! Bloss Zimmer vermieten sie nicht. Aber der Wirt läßt sich nicht lumpen und telefoniert herum, um ein Lokal zu finden, daß a) Zimmer vermietet und b) nicht gerade Urlaub macht. In Kaisersbach schließlich wird er fündig, er beschreibt mir also noch den Weg über die Kreisstraße dahin, und ich fahre wieder los - 15 min später bin ich da.

Das Haus ist eher einfach, aber die Nurse, die mich an der Rezeption verpflegt, hinreichend beeindruckt und macht und tut, damit ich es angenehm habe und meine Sachen trocken kriege. Wobei auch sie improvisieren muß, denn einen Heizungskeller gibt es hier offenbar nicht. Aber sie schleppt extra noch Stuehle an, damit ich das Material aufgehängt kriege. Das Rad verschwindet, wie auch schon die Tage vorher, in einer Garage des Hotels. Und: Hier gibt es Maultaschen! Ich wähle die Variante mit Knoblauchsauce, was vortrefflich zu dem sowieso schon durch die trocknende Klaidung strengen Geruch im Zimmer passen dürfte. Bloß mit der Portion ist man hier eher sparsam. Aber der Aufenthalt in der Schänke bleibt kurzweilig; offenbar logiert hier eine größere Jugendgruppe, und so nehm ich meine Postkarten, die ich unbedingt schreiben muß, als Vorwand, noch etwas unten im Gasthaus sitzen zu bleiben und dem halbstarken Treiben ;-) zuzuschauen. Alles in allem war das aber eine feine Etappe. Erstaunlich viele Höhenmeter, das längste Teilstück bis dahin, und trotz des zum Teil gruseligen Wetters alles prima gelaufen. So langsam scheine ich wirklich in Schwung zu kommen.

Sonntag, 15.09.96: Kaisersbach - Bettingen

162.81 km, 1110 Hm; 23.88 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Denkste! Vielleicht hab ich gestern doch überzockt? Zwar geht es erstmal bergab, aber Anstieg nach Fichtenberg läßt mich merken, daß die Beine doch gewaltig schwer sind. Sitzen gefällt mir auf einmal auch nicht mehr. Dafür ist es heute trocken, aber so was nimmt man dann ja gar nicht richtig wahr... Links ab nach Oberrot, und dann merke ich, daß ich meine Abzweigung nach Westheim verpaßt habe. Ich beschließe dann aber, das zu ignorieren, da ich noch der Ausschilderung nach Schwäbisch Hall folge. Die geht über Bibersfeld. Bis dahin fühle ich mich so alle und demotiviert, daß ich fast Lust habe, nur bis Schwäbisch Hall zu fahren. Ich bin auch erschreckend langsam für die eigentlich ganz unspektakuläre Strecke. Die unerwartete Abfahrt nach Schwäbisch Hall heitert mich dann wieder etwas auf, und das kann auch der Anstieg auf der Nordseite - der auch gar nicht so wild ist - erst einmal nicht ändern. Ein paar Kilometer folge ich der B19, aber auch, wenn die direkt zum nächsten Ziel Bad Mergentheim führt, fahre ich lieber die Nebenstrecke durch Braunsbach; auf dem Weg dahin unterquere ich die Kochertalbrücke (Bild, 39k), die höchste Autobahnbrücke Europas. Schon ein imposantes Teil, und so hoch, daß man vom Verkehr auf der Autobahn kaum noch was hört. Da ich es mir in den Kopf gesetzt habe, das Jagsttal entlangzufahren, muß ich hinter Braunsbach bis Langenburg wieder ein paar Bergwertungen nehmen. Aber der Aufstieg nach Langenburg (Bild, 74k) belohnt einen mit einem schönen Panorama (was ich endlich - dank des Wetters - auch mal genießen kann) und einem erstklassigen Blick auf die Burg Langenburg.

Unten im Jagsttal bin ich etwas besorgt, als ich sehe, wie weit ich schon bin und daß ich noch keine Pause gemacht habe. DasTal hier ist ziemlich verlassen, nur kleine Dörfchen, kein Mensch zu sehen. Ich hocke mich auf eine Bank, hau mir ein paar Kaustreifen in die Backe und hoffe, daß ich eine Tanke finde, bevor schlimmeres passiert. Das gelingt aber erst am Ortsausgang von Dörzbach, als ich schon wieder auf der B19 bin. Nach 89km wurde das aber auch höchste Zeit.

Nach Bad Mergentheim geht's nun weiter nach Tauberbischofsheim, leider entlang der B290. Was aber noch schlimmer ist: In Lauda-Königshofen ist Volksfest. Und beiderseits staut sich der Autoverkehr auf mindestens drei oder vier Kilometern. Aber da macht es auch wieder richtig Spaß mit dem Rad links an der Kolonne vorbeizupreschen. Erst in Tauberbischofsheim haben mich die letzten wieder eingeholt. Dummerweise lasse ich mich aber da von einem Schild, daß eine Kraftfahrstraße anzeigt, dazu verleiten, nach einem Ersatzweg Ausschau zu halten. Es gibt zwar etwas, das wie ein Radweg aussieht, aber als ich dem folge, biegt der irgendwann nach oben in den Weinberg ab. Was nun? Ich fahre ein Stück zurück und dann die, wie sich herausstellt nur noch wenigen hundert Meter auf der KfZ-Straße. Durch TBB selbst muß ich dann gar nicht durch sondern kann der Straße geradeaus folgen, die sofort schmaler und ruhiger wird und dann dem hier wirklich idyllischen Taubertal folgt. Der Hauptverkehr wird über eine anderre Strecke geleitet, die irgendwie die Diretissima über einen Berg nimmt. (Ein kleines Erinnerungsbild an die Romantische Straße (65k; aufgenommen kurz vor TBB), auch für unsere japanischen Freunde.)

Zwar sehe ich hier im Tal zeitweise kleine Dörfer oder Ortschaften mit Hotels, aber Wertheim lockt - und damit die Gelegenheit, endlich mal wieder in einem größeren Ort Station zu machen, der eventuell sogar einen Italiener bieten kann. Es zeigt sich aber, daß in Wertheim keine Zimmer im mir gewohnten Preisrahmen (bis 50,-) zu bekommen sind. Also sattel ich wieder auf und fahre noch ein paar Kilometer den Main aufwärts, bis ich schließlich in Bettingen (auf Empfehlng eines Gastwirtes ein Dörfchen früher) ein ruhiges Hotel finde. Dies entpuppt sich als Geheimtip bei Fernfahren und Reisenden aller Art: Mit mir zusammen steigt dort ein holländisches Ehepaar ab, daß mir schon vorher an der Hauptstraße parkend durch intensives Kartenstudium aufgefallen ist. Sie haben den Tip zu diesem Haus von einem befreundeten Fernfahrer erhalten. Hier ist es wirklich günstig (DM 25,- für das Einzelzimmer (ohne Früstück)), und das Abendessen ebenfalls preiswert und nicht zu knapp. Allerdings natürlich eher rustikaler Natur. Inzwischen bin ich auch ganz gut eingefahren, unterwegs esse ich immer weniger, und die Zeiten der hohen Pulswerte sind auch vorbei. Nur bei schwereren Aufstiegen erreiche ich Werte über 160.

Abends überlege ich noch, wie ich weiterfahren soll. Nach Hause sind es nur noch 350 km, und es lockt mich ja schon die Möglichkeit, noch einmal, nach 1994, in die Rhön zu fahren und die Wasserkuppe zu nehmen. Das wäre allerdings ein deutlicher Umweg und an drei tagen bis nach Hause wohl nicht zu schaffen. Andererseits sieht es ja endlich mal so aus, daß die nächsten tage das Wetter einigermaßen schön, zumindest aber trocken sein soll. Ich beschließe, das morgen unterwegs zu entscheiden und nehme meine Mütze Schlaf.

Montag, 16.09.96: Bettingen - Weyhers

149.19 km, 1430 Hm; 22.44 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Die Sonne lacht! Nach dem Frühstück flugs das Ränzl geschnürt, und bei dem schönen Wetter natürlich in kurzem Trikot losgefahren. Aber ich bin noch gar nicht richtig aus dem Ort raus und wieder am Main, da finde ich es doch empfindlich kühl und zieh mir meinen Pulli doch noch über. Anfangs läuft es wirklich prächtig, das schöne Wetter und die tolle Landschaft direkt am Ufer des Mains heben die Stimmung ungemein. Sogar Verkehr gibt es hier eigenartigerweise kaum, auch wenn es ab Lengfurt etwas industrieig wird. In Marktheidenfeld überquere ich den Main und fahre auf der anderen Seite über eine lauschige Nebenstrecke weiter mainaufwärts bis nach Lohr. Dortselbst ist es gar nicht so einfach, die B276 Richtung Norden zu finden, an der Ausschilderung könnte man da bestimmt noch einiges verbessern. Meine Nase täuscht mich aber nicht, und so bin ich ohne große Verfahrerei auf der richtigen Piste und recht gemach geht es jetzt ein Tal hinauf nach Partenstein. In Framersbach schließlich mache ich meine erste Pause: Ganz lauschig auf einer Parkbank unter ein paar Bäumen vor der Dorfkirche. Das erfrischt.

Inzwischen befinde ich mich übrigens auf der Ferienstraße Alpen-Ostsee und folge ihr auch hinter Frameresbach rechts ab nach Jossgrund. Eine schöne Nebenstrecke, es gibt die ersten Bergwertungen, Verkehr findet hier nicht statt, dafür gibt es Natur bis zum Abwinken. Eine Bergwertung und eine Abfahrt (auf der es mich zweimal fast hinschlug, als ich in einer engen Linkskurve mit dem Vorderrad einen Stein wegsprengte und kurz darauf hinter einer Rechtskurve fast in einen Lieferwagen hineingefahren wäre) später komme ich nach Bad Soden-Saaldorf-Mernes und damit zum Punkt der Entscheidung: Links ab die vorgesehene Route durch den Spessart Richtung Vogelsberg, oder doch geradeaus und über die Rhön? Nun, es läuft dermaßen gut, es ist auch noch früh und überdies bin ich gerade auch viel zu schnell (bzw. mit dem Denken viel zu langsam), um die Abzweigung noch zu kriegen - ich fahre geradeaus, immer dem Sinntal (Bild, 59k) folgend, eine sehr schöne, im Wald gelegene Strecke über Altengronau nach Zeitlofs. Kurz vor Zeitlofs überquere ich mal wieder die Grenze zum Freistaat Bayern, aber da muss ich jetzt durch ;-). Auch die neue ICE-Trasse läßt gleich grüßen, ich bleibe kurz mal stehen in der Hoffnung, eines dieser Wunderteile mal da vorbeischießen zu sehen, aber nichts passiert. Nach ein paar Minuten ist mir das doch zu öde und der Kaustreifen auch aufgegessen.

Das Stück bis Bad Brückenau zieht sich jetzt elend. Die Strecke ist ziemlich wellig, man kommt gar nicht so richtig in Schwung, und Sitzen macht auf einmal auch keinen rechten Spaß. Der Schnitt fällt. Mit Sorge sehe ich, daß ich viel später in Bad Brückenau ankommen werde, als ich gehofft hatte, und das ist mir in Anbetracht der beiden noch ausstehenden deftigen Bergwertungen vor dem geplanten Etappenziel etwas unheimlich. Nichtsdestoweniger ist in Bad Brückenau natürlich erst einmal Verpflegung angesagt, bevor es ans Eingemachte geht, und zwar vom Üppigen. Ich setze mich in der Fußgängerzone auf eine Bank in die Sonne, lasse mich ein wenig aufwärmen und vernichte zwei Beutel Lebkuchenherzen mit Kleisterfüllung (es ist ja bald wieder Weihnachten) und mehr als einen Liter Saft. Der Rest wird umgefüllt, und dann geht's weiter. Ein kurzes Stück die B286 lang und dann links ab Richtung Gersfeld. Obwohl eine Landesstraße ist die Piste extrem gut ausgebaut, das muß wohl am Sperrgebiet links von mir und der damit verbundenen Truppenpräsenz liegen. Ich hasse aber Auffahrten mit breiter Straße. Man sieht die Steigungen weniger als daß man sie nur fühlt. So finde ich zu diesem Berg gar keine Einstellung und quäle mich die 13 km bis Oberwildflecken mit übler Laune voran. Natürlich habe ich vergessen zu notieren, wieviel Höhenmeter das waren, wohl nicht viel mehr als 400, was sich im Nachhinein bestürzend wenig liest... Egal. Als ich auf die B279 treffe und links nach Gersfeld abbiege, bin ich dann aber zu meiner Erleichterung schon nach wenigen Metern oben auf der Schwedenschanze (715m), und jetzt geht's erstmal bergab nach Gersfeld.

Und dann, gleich an der ersten Ampel im Ort wieder rechts auf die B284 zur Wasserkuppe. Die Steigung fängt auch fast sofort wieder an. Nun ist meine Einstellung deutlich besser, und ruhig und gleichmäßig, wenn auch eher langsam so mit 10-12 km/h fahre ich den Berg rauf (und preise meine 42/26-Übersetzung). Erstaunt sehe ich, daß mein Puls die ganze Auffahrt über nur einmal knapp über 160 steigt, sonst aber deutlich darunter bleibt. Es muß doch sowas wie einen Trainingseffekt geben. Nur einmal, schon fast auf dem Paß angekommen, mache ich kurz Halt um ein Foto zu machen: Den Blick von der Wasserkuppe nach Südwesten genießend. Oben auf der Wasserkuppe angekommen, fühl ich mich erstmal wie ein Held, bleibe kurz stehen, um die Windjacke anzuziehen, kurz eine Kleinigkeit zu essen und den Segelfliegern zuzuschauen (Gipfelfoto, 65k). Im Gegensatz zu vor zwei Jahren ist das Wetter diesmal deutlich besser, und so kann ich wenigstens was von der traumhaften Landschaft und der Aussicht genießen. Kalt ist es dennoch, also mache ich mich wieder auf - eine Megaabfahrt über Abtsroda, Poppenhausen nach Eichenzell. Auf der Abfahrt, die immerhin üeber 500 Höhenmeter lang ist, friere ich fast ein, und als ich unten wieder arbeiten muß, fühlen die Beine sich völlig steif an. Durch Poppenhausen fahre ich noch durch, beschließe dann aber, im nächsten Ort nach eine Unterkunft zu suchen. Also steige ich in Weyhers im Gasthof "Müllerin" ab.

Davor kann ich allerdings im Nachhinein nur warnen. Bei schnuckeligen 8 Grad die Zimmer nicht zu beheizen war selbst mir unverständlich. Auf Anfrage bescheidet mir die Wirtin aber lediglich, daß sich das für einen Gast nicht lohne, das ganze Hotel zu befeuern. Dafür hängt sie wenigstens meine nassen Plünnen im (natürlich mollig warmen) Waschkeller auf; ich denke aber nur kurz darüber nach, im Keller zu nächtigen. Abendessen gibt es dann erst etwas später, da der Koch (und Herbergsvater) erst noch "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu Ende sehen muß, und da will ich doch nun gar nicht stören. Immerhin stößt mein Wunsch, morgen um 8:00 zu frühstücken, nur auf mäßiges Entsetzen...

Dienstag, 17.09.96: Weyhers - Bad Berleburg-Raumland

183.62 km, 1580 Hm; 23.98 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

...welches aber um einiges größer wird, als ich nach packen und was sonst noch so anlag erst um 9:15 das Haus verlasse und dabei von der Gastwirtin aufgestöbert werde. Ihr Anpfiff, warum ich denn dann um Himmels Willen so früh frühstücken hab müssen, läßt dann auch bei mir den Kragen platzen, nicht ohne ihr zu versprechen, für ihr Haus reichlich Werbung zu machen (was hiermit geschehen ist). Immerhin bin ich sauer genug, den kleinen Hügel aus dem Ort hinaus nach Eichenzell im dicken Gang raufzurauschen. Das bringt mich dann auch wieder zur Vernunft. Der Pulsmesser verabschiedet sich unterdessen, weniger wegen meines Extrempulses als wegen nachlassender Batterie. Pech gehabt.

Hinter Eichenzell, einem unvergleichlich reizenderem Ort als Weyhers, kommt dann die nächste Überraschung, ist die B40, der ich ein paar Kilometer nach Südwesten folgen wollte, doch eine Kraftfahrstraße und von einer Autobahn baulich nicht zu unterscheiden. Die Nebenstrecke zu finden ist eher schwierig und kostet mich ein paar Verfranser. Schließlich bringt mich eine just vom Einkaufen zurückkehrende Hausfrau auf den richtigen Pfad, was mir auch das Vertrauen in den Hessen als solchen wiedergibt. Unterwegs stolpere ich über einen seltsam unmotiviert aus der Landschaft aufragenden Kalkberg (Bild, 57k), wahrscheinlich eine Abraumhalde aus dem nahegelegenen Kalkwerk (oder so was in der Art). In Neuhof biege ich dann rechts ab nach Hauswurz - einen Ort, den man nur des Namens wegen erwähnen sollte und wegen der schönen Strecke, die da hinführt. Mitten durch den Wald, kilometerlang kein Nichts, nur Gegend. Verkehr hat's hier dementsprechend auch nicht. Allerdings ist die Piste hügelig. Der leichte Rückenwind macht aber auch das erträglich. Über Reichlos und Nieder-Moos erreiche ich Grebenhain an der B275, wo ich erstmal ein Päuschen einlege, kommt als nächstes doch die durchaus nichttriviale Aufgabe, den Vogelsberg zu überqueren. Zu lange kann man sich aber auch hier nicht ruhenderweise aufhalten, dafür ist es einfach mit 11 Grad zu frisch.

Hinter dem Ort steigt die Straße auch gleich wieder an, und ich freue mich wieder darüber, daß es in Hessen offenbar Sitte ist, die glatten Hunderter der Meereshöhe auf kleinen grünen Schildern bekanntzugeben. Das hatte schon beim Aufstieg zur Wasserkuppe Spaß bereitet. In Hartmannshain verlasse ich die B275 und biege rechts ab Richtung Hoherodskopf. Nach einem weiteren Kilometer kommt dann die schönste Abfahrt der ganzen Rundfahrt: Eine zwar nur wenig mehr als einen Kilometer lange, aber pielgerade 15% steile Abfahrt, statt Auslauf gibt's sogar eine neue Steigung unten. Und das alles kreuzungsfrei. Also kleingemacht, rollengelassen und aufs Tach gestarrt: 83 km/h sind doch schon ganz ordentlich. Auf der anderen Seite der Kuhle fahre ich dann nach Sichenhausen rein, und der Schwung reicht aus, mit locker über 50 Sachen bergauf in den Ort reinzurauschen. Spaß! Aber dann geht die Arbeit wieder los, der höchste Punkt des Tages wird schließlich am Hoherodskopf genommen bei 720 m. Ehrlich gesagt, als ich da oben bin, hab ich von Bergfahrten erst mal die Nase voll. Gottseidank ist damit vorläufig auch erstmal Schluß, die weitere Strecke ist zunächst mal flach bis sanft abfallend. Über Ulrichstein schlage ich mich durch ein kleines für mich namenloses Tal und fahre da eine kleine Nebenstraße zügig bergab. Auch hier wieder kein Verkehr, dafür kleine Dörfchen, alles recht lauschig.

Bedingt durch die Steigungen bin ich seit der letzten Pause schon wieder recht lange unterwegs, aber hier, so weit ab von allem, ist nicht dran zu denken, über die Mittagszeit einen geöffneten Laden zu finden. Wenigstens ist bei diesen Temperaturen der Flüssigkeitsbedarf nicht so hoch. In Feldatal-Ermenrod treffe ich schlußendlich auf die B49, folge dieser ein paar Kilometer Richtung Norden und biege dann links ab Richtung Kirtorf. An der Abzweigung warnt allerdings ein Schild davor, daß die Straße wegen Bauarbeiten in Ehringshausen ab dort voll gesperrt sei. Ich riskiere trotzdem einen Versuch, eine Alternativstrecke auszubaldowern habe ich momentan keine Lust. Natürlich ist die Baustelle nicht nur auch mit dem Rad zu passieren, sondern sogar für Autos. Ehrlich gesagt, sehe ich gar keine richtige Baustelle. Hmm. In Kirtorf schließlich, nach nunmehr 102 km und 4:20 Fahrzeit ist eine weitere Verpflegung dringend angeraten. Schön ist es hier nicht, aber ein Haltestellenhäuschen schützt wenigstens vor dem etwas frischen Wind.

Aber wenigstens kommt der Wind aus der richtigen Richtung, aus Osten nämlich. Auf dem nächsten Teilstück, die B62 entlang nach Kirchhain, kann ich daher locker Gas geben. Vor Kirchhain empfiehlt es sich, die Bundesstraße zu verlassen, durch den Ort zu fahren und dann die Nebenstrecke nach Cölbe zu benutzen, kurz vor Cölbe trifft man wieder auf die B62, erspart sich aber den starken Verkehr in der Gegend. Weiter dürfte das auch nicht sein. In Lahnetal-Göttingen biege ich ab auf die B252 nach Wetter. Inzwischen muß der Feierabendverkehr eingesetzt haben, jedenfalls ist von hier bis Wetter massig was los. Also Gas geben und durch. In Wetter schließlich kann ich die B252 endlich verlassen und links abbiegen auf die Nebenstrecke über Amönau nach Hatzfeld. Das ist endlich wieder bekanntes Terrain, war die Strecke doch zum Großteil die 2. Etappe der Fernfahrt nach Wien vor zwei Jahren. Allerdings muß ich dieses Teilstück jetzt bergan fahren. Aber der Rückenwind hilft ein wenig dabei. Zwar sehe ich unterwegs ein paar lauschige Hotels, beschließe aber, weil es grad so schön läuft, noch bis Hatzfeld weiter zu fahren, ehe ich mich um eine Unterkunft kümmere.

Tja, dumm gelaufen. In Hatzfeld selbst finde ich nichts, also nehme ich nur einen kleinen Imbiß und fahre weiter das Edertal hoch. Aber es ist ums verrecken nichts aufzutreiben, die Hotels bzw. Gaststätten sind entweder belegt, ganz geschlossen oder haben ausgerechnet heute Ruhetag. So langsam bekomme ich einen dicken Hals. Soo weit wollte ich heute eigentlich auch nicht fahren. So langsam wird es sogar schon dämmrig. Die letzte Chance ist Bad Berleburg. Und an der Kreuzung mit der B480 in Raumland steht tatsächlich am Hang ein Hotel! Sieht zwar ziemlich nobel aus, aber egal... rein!

Die Dame an der Rezeption ist auch sehr entgegenkommend, bietet mir ein Doppelzimmer zum Einzelzimmerpreis an - zwar fuer stolze 65 DM, aber dafür gibt es auch ein großes, schönes und vor allem sauberes Zimmer mit großem Bad. Mein Rad verschwindet irgendwo im Bauch des Hotels, wo ein dienstbarer, handwerklich geschickter Geist sonst seine Arbeit tut. Auch die Speisekarte hinterläßt einen guten Eindruck, und ich genehmige einen leckeren Gemüseteller. Abends dann probiere ich erstmal den Fernseher auf dem Zimmer aus und erwische auf einem der Sportkanäle gleich eine Zusammenfassung der heutigen Vuelta-Etappe. Glückspilz ich!

Mittwoch, 18.09.96: Bad Berleburg-Raumland - Remscheid-Lennep

124.46 km, 1280 Hm; 24.30 km/h

[Streckenführung auf google-maps]

Die Panzeretappe gestern hat den Vorteil, daß es heute nur noch mäßige 120 km bis nach Hause sind. Und dort erwartet mich, von meiner Schwester nach altüberliefertem Spezialrezept angerichtet, eine Riesenschüssel LaSagne. Das motiviert. Und anfangs braucht's das auch. Von Raumland aus geht es halt stetig bergauf zum Panoramapark Sauerland mit dem Rhein-Weserturm; das Gelände ist mir ja auch von der Wienfahrt noch bekannt. Als die Steigung so richtig ernst wird, verwandelt sich die Straße zu meiner Erheiterung in einen Grusweg. Hier hat man offensichtlich auf mehreren Kilometern eine Baustelle oder neue Teerung mit hellem Rollsplit abgelöscht. Wenigstens erspart man mir sowas auf dem Weg bergab. Oben überlege ich kurz, eine Pause zu machen, aber es ist hier erbärmlich kalt, außerdem war ich ja schon vor zwei Jahren oben auf dem Turm, und sehen kann man bei dem Wetter jetzt eh kaum etwas.

Weiter geht's also nach Kirchhundem, ein kurzes Stück über die B517 und dann über Bilstein, eine gemeine und unerwartete Bergwertung nehmend, zur B55 nach Oberveischede. Dort biege ich rechts ab nach Attendorn, und im nächsten halbwegs größeren Ort Helden schaffe ich es noch kurz vor Ladenschluß in einem Geschäft meine heutige Verpflegung zu bunkern, die auch gleich vor Ort verputzt wird. Zur Abwechslung geht's hinter dem Ort gleich mal wieder 100 Höhenmeter bergauf, dann aber eine schöne Abfahrt hinunter nach Attendorn. Dort angekommen fühle ich mich schon fast wie zu Hause. Das ist leider ein fataler Fehler. Ich kann mich zwar noch schwach erinnern, daß das folgende Stück bis nach Meinerzhagen eher unangenehm zu fahren ist, aber so übel habe ich das nicht in Erinnerung. Ich habe das Gefühl, gar nicht voran zu kommen. Ständig geht es leicht bergauf, immer arbeiten, und das, wo man sich schon am Ziel wähnt. Dummerweise ist heute auch nicht mehr mit dem gestern so angenehmen Rückenwind zu rechnen, der hat seinen Dienst offenbar quittiert. Bis Valbert ist es wirklich eklig, danach geht es wieder, und hinter der Anschlußstelle an die A45, ab wo ich mich wirklich heimisch fühle, wird man mit einer schönen Schnellfahrstrecke bis Kierspe belohnt. Ab dort brauche ich nur noch der B237 über Wipperfürth und Hückeswagen nach Bergisch Born zu folgen, eine Strecke, die ich schon im Trainig beliebig oft gefahren bin und die mich demzufolge nicht mehr erschrecken kann. Sogar der letzte Berg hinter Hückeswagen wirkt, weil ich ihn kenne, völlig harmlos (nun, das ist er eigentlich auch mit einer Steigung von vielleicht 4 oder 5%), und schließlich bin ich zu Hause. Ein komisches Gefühl, nach so langer Zeit eine Strecke zu fahren, die man wie seine Westentasche kennt.

Nach insgesamt fast 1500 km bin ich also wieder zu Hause. Auch wenn das Wetter teilweise ziemlich übel und kein wirklich schöner oder warmer Tag dabei war (oder vielleicht auch gerade deswegen) war die Fahrt ein Erlebnis, daß ich nicht missen möchte. Ich hab Gegenden gesehen, die mir bis jetzt völlig unbekannt waren, schöne Landschaften noch und nöcher. Und ich hab gleich den Entschluß gefaßt, nächstes Jahr, wenn irgend möglich, wieder eine solche Rundfahrt zu machen. Mittel- und Westeuropa ist ja groß genug...


Anmerkungen

[1] Thomas Vollmar schlug mir per Mail die folgende Alternative für das Teilstück KL-Hohenecken bis Münchweiler (B10) vor (zitiert mit Genehmigung):
"Anstatt B270 bis Waldfischbach-Burgalben zu fahren (ist mir zuviel Verkehr), wäre es günstiger, am Walzweiher (ca 3 km hinter Hohenecken) links ins Moosbachtal (später Karlstal) abzubiegen und dann Richtung Johanniskreuz weiterzufahren, um dann etwas hügelig über Leimen an eine klasse Abfahrt nach Merzalben und dann wieder an die B10 zu kommen. Das dürften IMHO aber mal noch so ca 400 Höhenmeter mehr sein. Dafür hast Du allerdings Landschaft pur und so gut wie keinen Verkehr, wenn Du die Strecke nicht gerade Sa/So fährst. Dann geht nämlich in Sachen Motorrad der Punk ab. Leider. :-("

Index der Bilder

(chronologische Reihenfolge)
  1. Totenmaar (57k)
  2. Weinfelder Maar (38k)
  3. Steineberg (67k)
  4. Moseltal bei Ürzig (moselabwärts) (55k)
  5. Donauversickerung und Donauradwanderweg (bei Immendingen) (85k)
  6. Kochertalbrücke (von Süden gesehen)(39k)
  7. Burg Langenburg (74k)
  8. Romantische Straße (65k)
  9. Sinntal (Richtung Westen) (59k)
  10. Aussicht von der Wasserkuppe (nach Südwesten) (44k)
  11. Gipfelfoto Wasserkuppe (65k)
  12. Abraumhalde nahe Fulda (57k)

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Christian Schulz
Created: Sat Mar 29 1997, Thu Jun 26 1997
Text finished: Mon Mar 22 00:10:30 CET 2004
Last modified: Mon Apr 14 15:36 CEST 2014 (Karten)